Russisches Wintermärchen 2017

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Das große Abenteuer startet vom Berliner Flughafen aus. Wegen der Zeitverschiebung hat der Flug nur knappe drei Stunden angedauert. In Moskau haben wir nur Zeit für eine kurze Stippvisite. An diesem Tag besichtigen wir den roten Platz mit seiner wunderschönen Basilius Kathedrale.

Schon am Abend geht es los zu unserem eigentlichen Ziel. Um zwanzig Uhr fahren wir mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Beloretsk los, vor uns liegen dreißig lange Stunden Fahrzeit. Wir haben uns für die Kategorie zwei entschieden und schlafen dort in einem vierer Abteil. Im Abteil steht in der Mitte ein Tisch und an den Seiten die zwei Doppelstockbetten. Obwohl es einfach eingerichtet ist fühlt man sich sofort wohl, die Betten sind mit frischer Bettwäsche bezogen es gibt einen Essenservice und größere Mahlzeiten kann man im Bordrestaurant genießen. Wenn man alleine reist, teilt man das Abteil mit anderen Reisenden, ist man mit einer Gruppe unterwegs kann man das Abteil auch zusammen buchen. Die fahrt führt uns durch die verzauberte russische Winterlandschaft entlang der Wolga. Obwohl draußen klirrende Kälte herrscht ist es im Zug mollig warm, zwischen vierundzwanzig und achtundzwanzig Grad. Wenn man sich den Essenservice sparen will kann man sich eigene Snacks mitbringen außerdem gibt es einen großen Samowar an dem man sich jederzeit kostenlos Wasser holen kann.

Am nächsten Tag kommen wir am frühen Morgen in Belor an. Mit klapprigen alten Autos geht es dann nochmal zwei Stunden in das Dorf Kaga. Es liegt im baskirsichen Südural. Im Südural wohnen die Russen und die muslimischen Baschkiren schon seit Jahrhunderten friedlich zusammen. Interessant ist, das die Baschkiren äußerlich eher mongolisch aussehen, ein ganz eigenes Völkchen also. Auch wir leben in Kaga in kleinen Holzhäusern von Kälte merkt man aber nichts und ich muss zugeben: ich habe in meinem Leben noch nie so viel geschwitzt wie in Russland. Die Zentralheizung besteht aus riesigen Öfen die bis zur Decke reichen und die werden Tag und nacht befeuert. Wenn einem das noch nicht genug ist geht man zum saunieren in die Bagna.

Wir sind genau zum richtigen Zeitpunkt in Kaga angereist, denn es findet ein großes Fest statt. Die Maslenitza. Das traditionelle russische Fest feiert das Ende des Winters und den Beginn der Fastenzeit. Wir dürfen hautnah am Programm teilhaben das aus vielen traditionellen Liedern und Tanz besteht. Auch wenn die Einheimischen Tourismus nicht gewohnt sind, verhielten sie sich einladend nett und freundlich.

Die erste Skepsis verfliegt nach ein paar Tagen. Doch nicht nur die Menschen haben wir ins Herz geschlossen. Ein herrenloser, weißer Hund namens Tik folgte uns seit unserer Ankunft auf Schritt und Tritt und somit hat unser Abenteuer sogar ein eigenes Maskottchen.

Nach jedem langen Tag im Schnee wird natürlich auch typische russische Kost zubereitet. Das hält den Körper und den Geist fit. Oft gibt es russischen Borscht und Krautsalat.

Einschub: Korbschlitten? Nervenkitzel in der Winterlandschaft darf bei einem Aufenthalt im Südural nicht fehlen. An einem Tag kamen wir von einem Ausflug und waren auf dem Rückweg nach Kaga. Doch plötzlich kamen unsere Pferde vom richtigen Weg ab und brachen im Schnee ein und steckten bis zum Bauch im Tiefschnee fest. Sergej, ein junger Mann aus Kaga versucht vergeblich die sechs Pferde wieder heraus zu ziehen. Er ruft im Dorf an damit ein neues Leitpferd beschafft wird, weil das alte viel zu schwach war um weiter zu laufen. Er wieß uns an die acht Kilometer bis zum Dorf alleine zu laufen, er kommt mit dem neuen Pferd nach. Gegen 19.00 sind wir nach dem langen Fußmarsch völlig erschöpft an der Hütte angekommen. Wir fingen an unser Abendessen vorzubereiten, Krautsalat, Kartoffeln und Eier damit Sergej sich bei seiner Ankunft sofort stärken konnte. Doch die Stunden vergingen und es gab kein Lebenszeichen von ihm. Gegen 22.00 Uhr machen wir uns ernsthafte Sorgen, was sollen wir nur tun? Ihm entgegen zu laufen wäre für unerfahrene Touristen viel zu gefährlich, wir kennen den Weg nicht und auf dem Heimweg haben wir Wolfsspuren gesehen. Eine Situation wie im Film. Schließlich macht sich Olga, unsere Dolmetscherin ohne unser Wissen alleine auf die Suche nach Sergej. Nun vermissen wir schon zwei Leute. Völlig verwzweifelt sitzen wir am Fenster. Um halb eins nachts sehen wir schemenhafte Taschenlampenlichter am Waldrand. Es sind Olga und Sergej! Wir stürmen ihnen erleichtert entgegen. Als wir Sergej sehen merken wir schnell- er ist mit seinen Kräfte vollkommen am Ende. Er erzählt uns dass die Pferde fünf mal in den Schnee eingebrochen sind und er musste sie fünf mal alleine ab und ankoppeln. Im ganzen Stress hat er auch noch sein Handy verloren was es für uns auch noch unmöglich machte ihn zu erreichen. Zum Glück ist er trotzdem heil bei uns angekommen. Was Sergej jetzt ganz dringend braucht – einen Vodka! Und wir machen gleich mit und feiern unseren Helden mit noch mehr Vodka, Bier und einem guten Abendessen. Was für ein Tag!

Am nächsten Tag fahren wir nach Kaga. Es ist schön sich nach drei Tagen endlich mal wieder waschen zu können und sich in der Bagna aufzuwärmen. Danach mache ich mit der Küchenfrau selbstgemachte Pelmeni und dazu wird der obligatorische Vodka getrunken. In Kaga besuchen wir auch die alte Dorfkirche die gerade restauriert wird. Das beten in der Kirche gestaltet sich im Winter gar nicht so einfach. Es ist so kalt dass sich über schönen Madonnenbildern viel Eis gebildet hat. Wie die Menschen am Südural ihren Lebensunterhalt verdienen? Sie verkaufen Pferdefleisch auf den Märkten von Ufa, der Hauptstadt der Republik Baschkirien. Im Winter leben sie von der Viehwirtschaft und dem was sie im Sommer anbauen können. Es gibt sogar einen Dorfladen in Kaga. Dort fällt das Angebot eher spärlich aus. Im Laden steht eine einzige Kiste voll mit Rüben, Zwiebeln, Kartoffeln, rote Beete und Kohl. Das einfache Leben ist ein Grund warum die Einwohner des Dorfes zum größten Teil aus Alten, Kindern und Leuten über 40 bestehen. Die jungen Leute zieht es in die Stadt. Ein weiterer Ausflug führt uns in das baschkirische ‘Nachbardorf’ Imendschajewo. Es ist knappe 5h von Kaga entfernt. Das zeigt schon dass die Russen ein ganz anderes Gefühl für Entfernungen haben. Dort angekommen fahren wir mit Holzschlitte am Fluss Zilim entlang zur Höhle Kindlerinskaja. Das Wort heißt übersetzt ‘Höhle des Sieges’. Insgesamt ist die Höhle zwölf Kilometer lang und seit 1974 für Besucher geöffnet. Mit einer Höhle wie den Thüringer Feengrotten ist die Kindlerinskaja nicht zu vergleichen. Denn allein der Einstieg ist abenteuerlich. An einem Seil , klettern wir über eine große,steile Eisplatte in die Höhle hinein. In die Kindlerinskaja kann man nur mit einem komptenten Führer, alles andere wäre lebensgefährlich. Doch das Innenleben der Höhle ist die Klettertour wert. Uns erwarten wunderschöne Eisgebilde, im ‘Saal der Königin’ steht die größte und schönste Eisskulptur. Viktor der Reisende – eine Begegnung mit einem Einsiedler Auf dem Weg zur Kindlerinskaja kommen wir an einer kleinen Holzhütte vorbei. An der Tür höngt ein Zettel auf dem steht: …. Viktor der Reisende kommt aus Moskau und kam in den Südural mit dem Vorhaben dort eine Kirche zu bauen. Schon seit Jahren ist er auf der Suche nach dem perfekten Platz, den hat er edoch bis jetzt noch nicht gefunden. Am Anfang lebte er ein ganzes Jahr lang in einem kleinen Zelt im Wald, bis die Dorfbewohner von Imendschajewo ihm die kleine Holzhütte geschenkt haben. Viktor braucht nicht viel zum Leben. Er lebt von dem was er im Wald fängt und dem was ihm die fürsorglichen Dorfbewohner ab und zu an Konserven vorbei bringen. Ein Leben in der Wildnis nur mit dem nötigsten klingt verrückt. Doch gibt es uns nicht auch zu denken, dass manche Menschen so wenig brauchen um glücklich zu sein? Nach einem kleinen Ausritt im Schnee ist unser Winterabenteuer leider schon bald vorbei. Unser letzter Stopp ist Ufa. Eine Millionenstadt im Südural und mit der ländlichen Idylle in Kaga nicht zu vergleichen. Wir gönnen uns einen Restaurantbesuch und reisen mit einem schnelleren Zug wieder nach Moskau zurück. Ich habe vieles aus meinem Urlaub im Südural mitgenommen. Wenn die Natur deine Lebenweise beeinflusst dann verändert das auch die Sichtweise auf viele Dinge. Man muss viel improvisieren und die einfachsten Dinge werden zur Herausforderung. Handyempfang und Internetzugang gab es für uns nicht. Wir waren vollkommen abgeschottet von der Außenwelt und das hat uns gut getan. Der Alltagsstress ist vergessen und Ruhe kann einkehren. Es gab nur mich und die Natur. Und nach einiger Zeit merkt man das man nicht viel braucht um glücklich zu sein. Die tolle Aussicht auf die verzauberten Schneelanschaften, ein warmes Haus und eine  deftige Mahlzeit nach einem anstrengendem Tag, reichen völlig aus.

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